Die jüngsten Signale des US-Justizministeriums, die Durchsetzung des Foreign Corrupt Practices Act (FCPA) zurückzufahren, haben weltweit die Aufmerksamkeit von Compliance-Experten in Unternehmen auf sich gezogen. Unter Generalstaatsanwältin Pam Bondi verlagert das DOJ seinen Schwerpunkt von Unternehmensbestechung auf Fälle im Zusammenhang mit Menschenhandel, Drogen und Gewaltverbrechen. Die Auflösung der Corporate Enforcement Unit und die reduzierte Überwachung der Exportkontrollen haben die Spekulationen weiter angeheizt, dass die Verfolgung von Wirtschaftskriminalität in den USA nicht mehr oberste Priorität hat.
Während die USA ihre Maßnahmen zur Bekämpfung von Korruption in Unternehmen möglicherweise lockern, ist es unwahrscheinlich, dass Europa diesem Beispiel folgen wird. Tatsächlich könnte diese Veränderung zu aggressiveren Ermittlungen und Durchsetzungsmaßnahmen seitens der Regulierungsbehörden im Vereinigten Königreich und in der EU führen. Für multinationale Unternehmen ist die Botschaft klar: Die Compliance-Bemühungen müssen unabhängig von den sich ändernden regulatorischen Rahmenbedingungen in den USA weiterhin robust bleiben.
Warum Unternehmen nicht in ihrer Wachsamkeit nachlassen sollten
Für Unternehmen mag es verlockend sein, den Rückzug des DOJ als Gelegenheit zu betrachten, interne Schulungen zur Korruptionsbekämpfung zurückzufahren oder die für Compliance-Programme bereitgestellten Ressourcen zu reduzieren. Dieser Ansatz ist jedoch kurzsichtig und könnte Unternehmen erheblichen Risiken außerhalb der Grenzen der USA aussetzen.
Im Gegensatz zum FCPA enthalten der britische Bribery Act 2010 und die neuen EU-Vorschriften zur Sorgfaltspflicht für Nachhaltigkeit in Unternehmen (CSDD) strenge Anforderungen und extraterritoriale Geltungsbereiche. Diese Gesetze stellen Bestechung im öffentlichen und privaten Sektor unter Strafe und machen Unternehmen nicht nur für die Beteiligung an Fehlverhalten verantwortlich, sondern auch für dessen Unterlassung.
Die britische Betrugsbekämpfungsbehörde Serious Fraud Office (SFO) und Aufsichtsbehörden in der gesamten EU zeigen zunehmend ihre Bereitschaft, unabhängig von Maßnahmen der USA gegen Unternehmen vorzugehen. Angesichts des Rückzugs der USA könnte Europa sich ermutigt fühlen, die Lücke in der Strafverfolgung zu schließen und das Verhalten von Unternehmen stärker zu kontrollieren.
Globale Gerichtsbarkeit und grenzüberschreitende Risiken
Multinationale Unternehmen sind häufig in Rechtsräumen tätig, in denen sich Antikorruptionsgesetze überschneiden. Ein Unternehmen könnte sich zwar von der Strafverfolgung in den USA geschützt fühlen, aber dennoch rechtlichen Risiken gemäß dem UK Bribery Act oder dem französischen Sapin II ausgesetzt sein, die beide weitreichende extraterritoriale Anwendung finden. Wenn beispielsweise ein US-amerikanisches Unternehmen bei seinen Geschäften in Europa fragwürdige Praktiken anwendet, könnte es dennoch strafrechtlich verfolgt werden, selbst wenn das DOJ beschließt, nicht tätig zu werden.
Darüber hinaus laufen Unternehmen Gefahr, in den Fokus von Ermittlungen mehrerer Rechtsordnungen zu geraten, die kostspielig, komplex und zeitaufwendig sein können. Während das DOJ die Durchsetzung von Vorschriften für Unternehmen möglicherweise zurückstellt, nimmt die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen europäischen Regulierungsbehörden zu. Dies könnte zu parallelen Ermittlungen und verschärften Strafen für Unternehmen führen, die ihre globalen Compliance-Verpflichtungen vernachlässigen.
Lieferkettenprüfung und Due Diligence
Die EU-Richtlinie zur Sorgfaltspflicht von Unternehmen im Bereich der Nachhaltigkeit stellt eine neue Herausforderung für die Durchsetzung von Vorschriften dar. Diese Gesetzgebung verpflichtet Unternehmen dazu, ihre gesamten Lieferketten auf die Einhaltung ethischer Standards, einschließlich Maßnahmen zur Korruptionsbekämpfung, zu überprüfen. Unternehmen, die ihre Sorgfaltspflichten gegenüber Lieferanten und Dritten nicht ordnungsgemäß erfüllen, müssen mit hohen Geldstrafen, rechtlichen Schritten und Reputationsschäden rechnen.
Da die EU ihren Fokus verstärkt auf die Einhaltung von Vorschriften in der Lieferkette legt, sollten Unternehmen dies als Chance betrachten, ihre Schulungsprogramme zu verbessern und Anti-Korruptions-Protokolle in alle Ebenen ihrer Geschäftstätigkeit zu integrieren. Von der Beschaffung bis zur Führungsebene müssen Unternehmen sicherstellen, dass ethische Praktiken in der gesamten Wertschöpfungskette verankert sind.
Die Kosten der Nichteinhaltung: Finanzielle Risiken und Reputationsrisiken
Die Folgen einer Schwächung der Compliance-Bemühungen können weitreichend sein. Europäische Regulierungsbehörden zögern nicht, bei Verstößen erhebliche Geldstrafen zu verhängen. So hat beispielsweise die britische SFO Strafen in Höhe von mehreren hundert Millionen Pfund für Bestechungsdelikte verhängt, und die Sorgfaltspflichten der EU sehen Geldbußen vor, die sich nach dem weltweiten Umsatz eines Unternehmens richten und für große multinationale Konzerne Milliardenbeträge erreichen können.
Neben finanziellen Strafen müssen Unternehmen auch mit Reputationsschäden rechnen, die das Vertrauen der Kunden untergraben, das Vertrauen der Investoren erschüttern und den Marktzugang einschränken können. Auf dem heutigen globalen Markt, auf dem Verbraucher und Stakeholder Transparenz und Rechenschaftspflicht fordern, kann bereits der Verdacht der Korruption verheerende Folgen haben.
Ein proaktiver Ansatz für Compliance
Angesichts dieser Entwicklungen müssen Unternehmen erkennen, dass Compliance keine reine Abhakübung ist, die an die Durchsetzungsprioritäten einer einzelnen Gerichtsbarkeit gebunden ist. Vielmehr ist sie ein grundlegender Bestandteil nachhaltiger Geschäftspraktiken und ethischer Führung. Unternehmen, die proaktiv starke Compliance-Rahmenbedingungen aufrechterhalten, sind besser positioniert, um sich in der sich wandelnden Regulierungslandschaft zurechtzufinden und ihren Ruf und ihren Gewinn zu schützen.
Wichtige Schritte sind:
- Durchführung strenger Schulungsprogramme zur Korruptionsbekämpfung, die sowohl US-amerikanische als auch internationale Standards erfüllen.
- Stärkung der Due-Diligence-Prozesse entlang der Lieferketten, insbesondere in Hochrisikoländern.
- Förderung einer Kultur ethischer Führung, die über die bloße Einhaltung gesetzlicher Vorschriften hinausgeht und Integrität auf allen Ebenen der Organisation in den Vordergrund stellt.
- Beobachtung der regulatorischen Entwicklungen im Vereinigten Königreich und in der EU, um neuen Trends bei der Durchsetzung vorzugreifen.
Fazit: Compliance ist nach wie vor nicht verhandelbar
Während die USA ihre FCPA-Durchsetzung möglicherweise zurückfahren, bleibt die globale Compliance-Landschaft insgesamt aktiv und dynamisch. Die Regulierungsbehörden im Vereinigten Königreich und in der EU werden die Entwicklung beobachten und könnten als Reaktion auf den Rückzug des DOJ ihre Durchsetzungsmaßnahmen noch aggressiver gestalten. Für multinationale Unternehmen bedeutet dies, dass sie ihre Compliance-Bemühungen unvermindert fortsetzen müssen. Die Risiken einer Nichteinhaltung – finanzieller, rechtlicher und reputationsbezogener Art – sind einfach zu groß, um sie zu ignorieren.
In einer Zeit, in der sich die Prioritäten bei der Durchsetzung von Vorschriften verschieben, vermeiden Unternehmen, die Integrität und Verantwortlichkeit groß schreiben, nicht nur rechtliche Fallstricke, sondern bauen auch widerstandsfähige, nachhaltige Unternehmen auf, die auf dem globalen Markt erfolgreich bestehen können.